Mein Sohn Elisabeth

Es ist nicht so, dass ich mir ein bestimmtes Geschlecht gewünscht hätte. Von Anfang an war mir klar: mein Kind ist mein Kind, und was und wer auch immer es werden würde, ich würde es lieben und ehren und beschützen vor den kleinen und großen Monstern und Bösewichten und all den Ungerechtigkeiten des Lebens, so lange wie möglich, das heißt mindestens bis zur Krabbelgruppe und in ausgewählten Situationen auch noch darüber hinaus. Es dämmerte mir schön langsam, dass meine Indifferenz, was das Geschlecht anging, gewisse Auswirkungen auf mein ungeborenes Kind hatte, als es bei den Ultraschalluntersuchungen eine derartige Widerspenstigkeit entwickelte und sich in so absurde Positionen begab, aus denen es sich trotz Schüttelns und Rüttelns an meinem Unterleib keinen Zentimeter herausbewegen wollte, dass es zu einem Ding der Unmöglichkeit wurde, sein Geschlecht festzustellen. Sein Geschlecht? Das Geschlecht des Kindes. Neutrum.
Und auch mein Gefühl ließ mich völlig im Stich. Was für ein Gefühl? Na, das »Mädchen-oder-Junge-Gefühl«. Das Gefühl, das werdende Mütter angeblich haben, wie meine nette Bekannte mir beim Sonntagsspaziergang genüsslich und mit leicht triumphierendem Unterton erzählte: »Ich habe mir ein Mädchen gewünscht, und ein Mädchen ist es geworden.« Aha, dachte ich ehrfurchtsvoll, so funktioniert das also… Selbst meine Ärztin ließ sich zu der Aussage hinreißen, dass das »Gefühl« ja meistens stimme… Aber so sehr ich auch in mein tiefstes Innerstes lauschte, ein wirklich überzeugendes »Gefühl«, aufgrund dessen ich irgendeine Aussage hätte wagen wollen, konnte ich beim besten Willen nicht zutage befördern.
Da war sie– vierzehnte Woche –, die verhängnisvolle Frage, einmal gestellt für immer im Raum schwebend, gleich einer Schmeißfliege, die plötzlich auch noch Nachwuchs kriegt: »Was wird es denn?«
Schulterzucken. Noch zu früh. Kann man nicht sagen. Sofort die Relativierung: Es sei doch aber auch ganz egal, Hauptsache gesund. Wirklich, es sei völlig irrelevant. Aber dann musste ich versprechen, sofort Meldung zu erstatten, sobald das Geschlecht identifiziert sei.
Ich sah bereits Berge an Stramplern und Deckchen in hellblau oder aber auch rosarot vor mir auftauchen. Aus Spaß fing ich an, mir vorzustellen, dass ich mein Kind je nach Tageslaune rosa oder blau anziehen könnte. Und je nachdem würde ich behaupten, mein Kind sei ein Mädchen oder ein Junge, natürlich immer entgegengesetzt zur Farbe der Kleidung. Darf ich vorstellen: Mein Sohn Elisabeth.
Ich habe die stille Hoffnung, dass Elisabeth es schafft, immerhin bis zu seiner Geburt sein Geschlecht vor uns zu verheimlichen, sodass alle willigen Spender- und SchenkerInnen im Laufe der Schwangerschaft irgendwann kapitulieren und gezwungenermaßen zu neutralen Farben greifen. Es gibt wunderbare Farben. Eine Vielfalt. Man muss sich nur ein bisschen anstrengen.
Bei der Geburt werden sich dann auch alle einhellig freuen, der Vater, die Mutter, die Ärztin, die Hebamme, wenig später auch die Großeltern und noch etwas später alle anderen. Ein hübsches Kind. Aber was ist es denn nun? Ein Sohn. Name? Elisabeth.
Empörung am Wochenbett. Wie kann das sein? Das ist doch verboten. Man kann doch einen Jungen nicht Elisabeth nennen. Hat hier irgendjemand Junge gesagt?
Wenn nun Elisabeth lieber eine Tochter sein möchte als ein Sohn, oder wenn er eben lieber Elisabeth heißt als Thorsten, oder wenn sie abwechselnd ein Mädchen oder ein Junge sein will und ebenso wenig Autos über Tische flitzen lassen, wie Puppen frisieren, sondern lieber Bücher anschauen oder Topfdeckelschlagzeug spielen möchte, wer bin ich dann als Elternteil, ihm Grenzen zu setzen?
Hauptsache, das Kind ist gesund. Das Kind. Neutrum.

(Auszug) Den kompletten Text findet Ihr in meinem eBook.

Titelbild: Roland Zeller

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