Beruf oder Berufung?

Neulich lernte ich eine Frau in meinem Alter kennen, die es auf den Punkt brachte: „Ich habe Geisteswissenschaften studiert, ich habe keinen Beruf.“ Mit dieser Aussage beseitigte sie ein, seit meinem Universitätsabschluss in mir wohnendes, Unbehagen, das sich jedes Mal zum Problem aufschaukelte, wenn ich gefragt wurde, was ich denn „sei“ – oder schlimmer, aufgefordert wurde, aus einer Liste von anerkannten Berufsbezeichnungen meine herauszufiltern. Ich hätte schon ein paar Vorschläge gehabt: „Akademikerin“, „Arbeitslose Akademikerin“, „Ferialpraktikantin“, „Nebenberufseintrittskartenverkäuferin“, „Kurzzeitnachhilfelehrerin“, „sich-seit-Jahren-vorübergehend-unter-ihrem-Wert-verkaufende-Assistentin-von-irgendwem“, aber erstens habe ich diese Bezeichnungen nie auf irgendeiner Liste gefunden und zweitens war doch alles immer nur ein „Job“ und kein „Beruf“. Ich war nicht das, was ich studiert hatte, und was anderes war ich auch nicht.
Im Zuge hormoneller Veränderungen und der geographischen Erweiterung meiner Körpermitte stellte ich mir die Frage anders: Nicht mehr, was ich denn sei, sondern wie ich denn sein könnte, was ich gern wäre, wenn ich was wäre, was mir möglicherweise im Berufsalltag nicht eben von Vorteil wäre. Oder wie ich verhindern könnte, etwas zu sein, was ich nicht (ausschließlich) sein möchte? Zu kompliziert? Dann eben so: „Was bin ich, wenn ich einmal Mama bin?“
Die Antwort ist so kurz und einfach, dass sie fast schon schreit. Dennoch hat es fast zwei Jahre gedauert, bis ich sie gefunden habe. Wenn ich Mama bin, bin ich Mama. Und möglicherweise eine Zeit lang auch mal hauptberuflich. Dass „Mamasein“ auf keiner Berufeliste steht, finde ich, sollte dringend geändert werden. Deshalb hier eine Definition, die alles ins Rollen bringen könnte, immerhin sollte sie es den Verantwortlichen erleichtern, den Beruf „Mama“ in ihr Repertoire aufzunehmen.
„Mama“: Die Ausbildung erfolgt in der Regel autodidaktisch durch eigene Kindheitserinnerungen oder die Beobachtung anderer, beruflich bereits erfahrener Mamas. Viele „Mamas“ lesen auch schon vor der Zeit alles, was sie zum Thema in die Finger kriegen. In den meisten Print- und Onlinemedien finden sich immer wieder Informationen und Kommentare zum Berufsbild „Mama“, nicht alle jedoch unbedingt sympathischer Natur. Hat man es geschafft, durch Geburt oder Adoption eines oder mehrerer Kinder „Mama“ zu sein, erlebt man den üblichen Anfängerschock, der sich allerdings nach einer Weile legt. Nicht zu verwechseln ist „Mama“ mit dem Beruf „Tagesmutter“, der nur einen Teil der Tageszeit in Anspruch nimmt und darüber hinaus anerkannt und entlohnt wird. „Vollzeitmamas“ sind nicht selten abhängig von Einkünften anderer oder staatlichen Zuwendungen.
„Alleinerziehende Mama“ ist eine Berufsuntergruppe, die etwas erschwerte Bedingungen hat. Unbezahlte Überstunden und Nachtschichten sind noch häufiger als bei „Mamas“. Urlaubsansprüche gibt es normalerweise keine.
Im Allgemeinen sind die Verträge für „Mamas“ und „Alleinerziehende Mamas“ nicht von Arbeitnehmerinnenseite kündbar.
Meldungen von sogenannten „Glücklichen Mamas“ gibt es ebenso wie von jenen, die ihr „Mamasein“ bereuen. Letztere sind deutlich spärlicher gesät. Späte Einsicht hilft da allerdings meist nichts, wenn man es einmal ist, dann bleibt man es auch.

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