Mamatag

Ein Schuljunge steht im völlig überfüllten Blumenladen. Schüchtern, fast ängstlich. In seiner Hand ein paar Münzen, vielleicht das, was sich aus dem Sparschwein herausschütteln ließ. „Blumen für die Mama“, bittet er flüsternd. Würde die Ladenbesitzerin, die ihn in mütterlicher Manier bedient, nicht alles, was er sagt, megaphonartig wiederholen, würde keiner davon Notiz nehmen. Sie bindet ihm ein Sträußchen. Ein paar Blümchen innen drin, drum herum ein paar Blätter, buntes Seidenpapier. Sieht hübsch aus, die Frau versteht ihr Handwerk. Sie zieht das Band noch fest und sieht ihn an: „Wieviel hast du denn dabei?“ Gehorsam legt er sein Kleingeld auf den Ladentisch. „Das kostet normalerweise viel mehr“, tönt die Megaphonstimme, „aber ich gebe es dir so, weil du ein lieber Junge bist.“ Großzügig überreicht sie ihm den Strauß. „Ich hoffe, er gefällt der Mama“, sagt sie und wendet sich an die wartenden Kunden, alles ehemalige kleine Buben, jetzt Herren mittleren Alters, die gleich ein Vielfaches für ihre Mamas ausgeben werden: „Mir gefällt das einfach, wenn die Buben ihren Mamas was schenken wollen“, erklärt sie ihre noble Geste, als wolle sie das schlechte Image umsatzgieriger Floristen wieder ein bisschen aufpolieren und darüber hinwegtäuschen, dass es beim Muttertag einzig und allein ums Geschäft geht. Irgendwie finden die Szene dennoch alle sympathisch: der liebe Junge, das nette Sträußchen, die augenzwinkernde Floristin mit der Megaphonstimme. Muttertag nervt zwar ein bisschen, aber darauf verzichten wollen wir ja doch nicht. „So, der Nächste bitte.“ Der sagt nicht dazu, dass die Blumen für die Mama sind, es ist offensichtlich. Rabatt würde es ihm sowieso keinen bringen. Mal der Mama danke sagen. Für alles, was sie je für uns getan hat. Obwohl alle wissen, dass das auch die schönsten Rosen nicht aufwiegen können und sich manche insgeheim fragen werden, wofür sie eigentlich überhaupt dankbar sein sollen. Schließlich hat ja keiner darum gebeten, in die Welt gesetzt zu werden. Muttertag: Schuldgefühle inklusive. Trotzdem: danke, Mama. Einfach für alles.
Perspektivenwechsel: Nunmehr selbst Mama geworden, das Kind aber noch weit davon entfernt, Gedichte aufzusagen oder Geschenke zu basteln, freue ich mich doch ein bisschen über den Ehrentag. Ein wenig Schulterklopfen, ein bisschen zurücklehnen, das eigene Werk betrachten und zufrieden sein mit sich: Schau, es läuft doch gut im Großen und Ganzen. Dabeisein ist schließlich alles. Mamas grüßen Mamas auf der Straße, auch wenn sie einander gar nicht kennen. Ein verständnisvoller Blick, ein Lächeln, ein Nicken. Willkommen im Club. Und ja, Mamasein ist schön. Muttersein hingegen nicht immer. Da ist es kein Wunder, wenn manche Mütter den Muttertag hassen und „Mama-ist-die-Beste“-Grußkarten schlichtweg zum Kotzen finden. Würde man ihn aber tatsächlich abschaffen, den Muttertag, würde ich wetten, dass sie trotzdem einigermaßen beleidigt wären. Daher plädiere ich für einen kleinen Paradigmenwechsel in Sachen Muttertag. Variante eins: Der Muttertag wird zum Mamatag – der Tag, an dem die Kids ihren Mamas besonders enthusiastisch sagen oder zeigen, dass sie sie lieb haben. Weg mit dem ganzen Kommerz und den plumpen Versuchen, den Müttern einmal mehr etwas zu verkaufen, und sei es über ihre Kinder. Der Mamatag wäre vielleicht eher im Sinne der Erfinderin des Muttertags, Anna Marie Jarvis, die im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts aus Liebe zu ihrer eigenen Mutter für einen Feiertag zu Ehren aller Mütter kämpfte. Mit dessen Kommerzialisierung war sie allerdings gar nicht glücklich, distanzierte sich von der Idee und setzte sich für die Abschaffung ein.
Variante zwei: Der Muttertag bleibt der Muttertag, dann jedoch sollten nicht unsere Kinder uns mit einer Mischung aus Schuldgefühlen und Pflichtbewusstsein danken (wofür eigentlich?), sondern alle anderen: Die, die unsere Verträge kündigen, weil sie der Meinung sind, dass wir mit Kindern unseren Job nicht mehr gut machen können. Die, die uns durch Rücksichtslosigkeit und Vorurteile das Leben schwer machen und die, die uns lediglich als Konsumentinnen willkommen heißen. Die, die uns Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben nehmen und davon ausgehen, dass wir die Quadratur des Kreises schon irgendwie schaffen. Die, die uns später unsere niedrigen Pensionen auszahlen werden und die, die uns so früh wie möglich nach der Geburt wieder in den Beruf drängen – zu unserem Besten – ob wir wollen oder nicht. Die, die uns nicht die Wahl lassen, wie auch immer diese aussehen mag.
Wenn der Muttertag der Muttertag bleibt, sollte es von öffentlicher Seite einmal ein ehrliches Dankeschön geben: „Danke, liebe Mütter, dass Ihr allen Widerständen zum Trotz Euer Bestes tut und das Unmögliche möglich macht. Wir wissen, es gibt noch viel zu tun, um die Welt für Euch gerechter zu machen, aber wir gehen es jetzt an, großes Ehrenwort.“ Wenn der Muttertag der Muttertag bleibt, sollte ein Teil der Einnahmen aus dem Blumengeschäft an bedürftige Familien gehen. Und wenn sich wer schuldig fühlt, dann nicht unsere Kinder, weil sie mit nichts jemals aufwiegen können, dass wir ihnen den Hintern abwischen, das Essen auf den Tisch stellen und ihre Socken waschen, sondern diejenigen, die uns das Gefühl geben, es wäre besser, wir hätten keine Kinder, weil wir dann flexibler, pünktlicher, verfügbarer und belastbarer wären.
An jenem Muttertag, als der kleine Junge einen fast geschenkten Blumenstrauß für seine Mama ergatterte, stand ich auch in dem Laden und wartete. Ich kaufte Rosen für meine Mama. Nicht einmal vier Tage später waren sie welk. Ich bin also eher für den Mamatag.

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