Glück gehabt

Immer, wenn es irgendwo ums Glück geht, ist eine gewisse Skepsis angebracht. Wie Liebe scheint auch der Terminus Glück nur selten gerade nicht Konjunktur zu haben. Mittlerweile traut sich kaum jemand mehr zu mutmaßen, was andere zum Glücklichsein brauchen, zu individuell und unberechenbar ist die menschliche Natur. Zu oft wird Glück mit Freude verwechselt. So mag sich der linke Oppositionspolitiker freuen, wenn die rechtspopulistische Regierungspartei sich wieder einmal selbst ein Ei gelegt hat, aber ob er deshalb glücklich ist, wagt vielleicht nicht einmal er selbst zu sagen. Die Tendenz scheint nunmehr zu sein, dass Zufriedenheit nicht nur der konkretere und damit fassbarere Begriff ist, sondern auch als Gefühl nicht ganz so hochtrabend und unerreichbar wirkt. Mit einer deshalb erstaunlichen Konsequenz tauchen jedoch immer wieder Artikel und Studien auf, die untersuchen, ob Menschen mit oder ohne Nachwuchs glücklicher sind. Einige scheinen Zusammenhänge zwischen der Quantität an Kindern und den Glücksgefühlen der Eltern (oder Nichteltern) herstellen zu wollen, andere wiederum untersuchen äußere Faktoren wie staatliche oder familiäre Unterstützung und das gesellschaftliche Familienbild im Allgemeinen, die für positive oder negative emotionale Zustände von Menschen mit Kindern ausschlaggebend sein sollen.
Sind Kinderlose glücklicher? Diese Frage stellen sich Autorinnen und Autoren von Zeitschriften und Magazinen, Online- und Printausgaben mit provokanter Hartnäckigkeit. Beispiele von glücklichen kinderlosen Paaren oder zufriedenen Karrierefrauen werden vorgebracht, ihre Entscheidungen zur Diskussion gestellt und gefragt, ob sie nun unverbesserliche Egoisten sind oder aber auch den Schüssel zum wahren Glück gefunden haben. Zwischen Rechtfertigungsdruck und dem Gefühl, um ihren Lebensentwurf beneidet zu werden, sind alle Nuancen vertreten. Bedauernswerte Opfer oder eiskalte Egomanen? Die Gesellschaft, so meinen viele, stehe gerade kinderlosen Frauen nicht unbedingt mit Verständnis und Toleranz gegenüber. Akademikerinnen gehören statistisch gesehen besonders zu den „Betroffenen“. Doch es ist ein ambivalentes Bild, das hier gemalt wird:
„In westlichen Industrienationen sind Nichteltern im Schnitt sogar etwas zufriedener als Eltern“, wird die Soziologin Hilde Brockmann in einem Beitrag auf SPIEGEL+ (22. März 2019) zitiert. Andere wiederum behaupten, im ersten Jahr seien Eltern glücklicher als Nichteltern, danach sei der Unterschied nicht mehr festzustellen oder tendiere zu Ungunsten der Familienmenschen (DER STANDARD, 17. November 2017). Die wiederum würden ihren Nachwuchs um nichts in der Welt wieder loshaben wollen und sind sicher: nichts macht glücklicher, als Kinder zu haben.
So, wie ist es nun? Machen Kinder glücklich oder sind sie das Gefängnis freiheitsliebender Erwachsener, insbesondere Frauen? Kann man unentschiedenen Menschen im gebär- oder zeugungsfähigen Alter hier irgendwelche Orientierungshilfen geben?
Apropos unentschieden: Die Wissenschaft (ein ebenso dubioses Kollektiv wie die Gesellschaft) teilt Frauen ohne ausgeprägten Kinderwunsch übrigens in drei – wenig schmeichelhafte – Kategorien ein: „Frühentscheiderinnen“ wissen bereits weit vor ihrem 30. Geburtstag, dass sie keine Kinder haben möchten. „Spätentscheiderinnen“ gelangen erst Mitte dreißig zu dieser Erkenntnis und „Aufschieberinnen“ warten mit einer Entscheidung so lange, bis der Zug abgefahren ist oder haben „keinen geeigneten Vater gefunden“ (Wikipedia-Artikel: „Kinderlosigkeit“).
Frauen, die Karriere gemacht haben, sind der Überzeugung, mit Kindern hätten sie das nie geschafft. Menschen mit Kindern hingegen können ein geradezu aggressives Verhalten an den Tag legen, wenn jemand nicht mindestens genauso scharf aufs Kinderkriegen ist wie sie. Gleich wie genervt manche Eltern von ihren Kindern sein mögen: Ein Leben ohne Kinder? Unvorstellbar, undenkbar, unerhört. Die Emotionen, die das Thema entfacht, schlagen in die eine oder andere Richtung heftig aus.
Egal, wie die persönliche Entscheidung ausfällt, egal, wie die Lebensumstände auch sein mögen, unwichtig, in welche Richtung sich die Diskussionen um Glück und Unglück mit oder ohne Nachwuchs drehen, letztlich ärgern sich doch alle ein bisschen. Weniger Lärm ums Glück ist vielleicht auch in diesem Fall eine Garantie für mehr Zufriedenheit.

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