Theorie und Praxis I – Heinzelmännchen

Immer wieder schön, die Tipps auf einschlägigen Websites für gestresste Mütter: Lasst locker! Entspannt Euch! Werft Euren Stress zu den Windeln in den Müll und lasst mal alles liegen und stehen. Gönnt Euch eine Auszeit! Kein Perfektionismus! Tut Euch was Gutes! Dann geht der Stress ganz von alleine weg. Auch schön die Ratschläge, die Mamas anderen Mamas geben: Lasst Eure Wohnung ruhig verwahrlosen, steckt Eure Kinder acht Stunden in die Kita oder setzt sie vor den Fernseher und gönnt Euch mal etwas. Am besten eine Putzfrau, wenn Ihr sie Euch denn leisten könnt.
Wir nehmen uns vor, diese Vorschläge wirklich zu beherzigen, außer den letzten, denn der ist finanziell momentan echt nicht drin. Aber wir schaffen das auch so: Wir lassen den Abwasch stehen, bestellen Pizza anstatt Gemüse zu kochen, sehen zu, wie der Staub sich gnadenlos unseres Wohnraums bemächtigt, bei jedem Schritt kleben die Haare an den Füßen, aber den Staubsauger lassen wir konsequent im Abstellraum. Nein, heute nicht, denken wir, heute lassen wir es uns gut gehen. In der Badewanne ein Dreckrand, die Schmutzwäsche türmt sich, und im Kühlschrank gammeln die Zucchini vor sich hin, die eigentlich für das Mittagessen vorgesehen waren. Wir sind ja nicht dumm, denken wir, was andere können, können wir schon lange. Richtig entspannend ist das alles aber doch irgendwie nicht. Der Müll stinkt, aber rausgetragen wird er erst morgen, denn heute wollen wir doch einmal durchatmen. Wir legen uns auf die Couch – ach nein, das geht ja nicht, denn dort liegen fünf oder sechs Bilderbücher, fast der komplette Kuscheltierzoo und außerdem ein paar schmutzige Socken. Wir gehen also an der Couch vorbei, bezähmen unseren aufkeimenden Wunsch, den ganzen Krempel einfach in die nächstbeste Spielzeugkiste zu schmeißen und versuchen es mit dem Entspannen anderswo.
In der Küche ist es auch nicht so schön, denn da warten ja vorwurfsvoll die schmutzigen Teller darauf, dass jemand die Spülmaschine in Gang setzt. Wir versuchen es im Schlafzimmer. Die Bettwäsche sollte mal wieder gewechselt werden, aber das ist das kleinste Übel. Wir setzen uns also mit einem guten Buch ins Bett und versuchen, uns zu entspannen. Da merken wir, wie müde wir sind. Wir denken an unsere Kinder, die sich wohl schon wundern, wo Mama heute so lange bleibt. Wir denken an das Abendessen, das wohl wieder Pizza sein wird, zum Glück ist noch welche vom Mittagessen übrig. Wir arbeiten krampfhaft daran, nicht unters Bett zu schauen, doch wir wissen auch so, wie es darunter aussieht: nicht gut.
Spätestens an dieser Stelle legen wir das Buch weg und schließen kurz die Augen. Wenn wir nichts sehen, ist es vielleicht auch nicht da. Vielleicht schlafen wir kurz ein, und während wir ruhig schlummern, kommen die Heinzelmännchen und erledigen die ganze Arbeit. Oder wir stehen auf, fangen an aufzuräumen und den schlimmsten Dreck wegzuputzen, überlegen, ob wir nicht doch noch schnell eine Suppe kochen und holen dann flugs unsere müden Kinder von der Kita ab, um mit ihnen ein wenig auf dem Sofa zu kuscheln.

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